Der Mensch im Mittelpunkt
Wie klingt ein Fahrzeug für die Menschen, die darin sitzen? Wie verständlich ist ein Gespräch, wenn Wind, Verkehrslärm oder andere Stimmen dazukommen? Und wann wird aus einem technisch einwandfreien Geräusch ein Klang, der Sicherheit, Qualität oder Vertrauen vermittelt?
Messungen mit einem einzelnen Mikrofon können solche Fragen nur teilweise beantworten, denn sie erfassen den Schall an einem bestimmten Ort. Menschen hören jedoch anders: räumlich, richtungsabhängig und immer beeinflusst durch Torso, Kopf, und Ohrmuscheln und geprägt durch Situation und Erwartung. Zwischen einem Messwert und einem Höreindruck liegt deshalb eine entscheidende Frage: Wie lässt sich erfassen, was tatsächlich beim Menschen ankommt?
Mit dieser Frage beschäftigt sich Klaus Genuit Anfang der 1980er-Jahre während seines Studiums an der RWTH Aachen. Er sucht nach einer Möglichkeit, Fahrzeuggeräusche so aufzunehmen, dass sich technische Analyse und menschliches Hören aufeinander beziehen lassen. In Zusammenarbeit mit Daimler-Benz entsteht daraus ein innovatives Kunstkopf-Messsystem zur Geräuschdiagnose.
1982 kommt mit dem HMS I das erste kalibrierfähige Kunstkopf-Messsystem auf den Markt. Nur vier Jahre später gründet Klaus Genuit die HEAD acoustics GmbH. Aus einer wissenschaftlichen Fragestellung heraus legt er so den Grundstein für ein weltweit agierendes Unternehmen, und der Kunstkopf wird zum Ausgangspunkt für immer neue Verfahren, mit denen sich die menschliche Wahrnehmung erfassen, bewerten und gestalten lässt. Immer ein Faktor sind dabei psychoakustische Analysen – denn rein physikalische Messgrößen erzählen nur die halbe Wahrheit.
Heute arbeitet HEAD acoustics an Schall und Schwingungen, Sprach- und Audioqualität, virtuellen Entwicklungsprozessen und Soundscapes. Die Anwendungen reichen vom Fahrzeug über Smartphones und Hörhilfen bis hin zu Städten, Arbeitswelten und Robotik. Die Technologien verändern sich grundlegend, aber der Maßstab bleibt derselbe: Entscheidend ist nicht allein, was ein Messgerät registriert, sondern was Menschen wahrnehmen.
Aus Kundenfragen werden neue Lösungen
Viele Entwicklungen bei HEAD acoustics beginnen nicht mit einem Lastenheft für ein neues Standardprodukt, sondern mit einer konkreten Frage aus der Praxis. Die Vertriebsingenieurinnen und -ingenieure bilden dabei die Schnittstelle zwischen Kundenanforderungen und dem Produktmanagement. Aus einzelnen Messaufgaben entstehen maßgeschneiderte Systeme und Methoden – und mitunter Lösungen, die später zum Standardprodukt werden.
So entstehen unter anderem flexible Messlösungen für Windkanäle, eine bewegliche Sound-Power-Hemisphäre sowie automatisierte End-of-Line-Prüfungen. Die Messtechnik deckt dabei verschiedene Messaufgaben ab. SQuadriga III und SQope bündeln zahlreiche Funktionen in kompakten Geräten für Einsätze vor Ort. HEADlab II ist für stationäre ebenso wie für mobile Anwendungen ausgelegt und erfasst als skalierbares System verschiedene physikalische Größen synchron. Künftig werden HEADnodes diese Möglichkeiten um flexibel einsetzbare, drahtlos verteilte Messstellen ergänzen.
Kundennähe ist damit nicht nur Teil des Vertriebs, sondern auch ein enorm wichtiges Entwicklungsprinzip. Denn wer verstehen will, was Menschen hören, muss auch verstehen, unter welchen Bedingungen Produkte genutzt, geprüft und weiterentwickelt werden.
Wahrnehmung wird zum Entwicklungswerkzeug
Psychoakustik beschreibt nicht nur, wie laut ein Geräusch ist, sondern auch, wie Menschen es erleben. Größen wie Tonalität, Rauigkeit, Schärfe und räumlicher Eindruck helfen zu erklären, warum Schallereignisse mit ähnlichen physikalischen Werten unterschiedlich klingen. HEAD acoustics verbindet solche Wahrnehmungsgrößen mit technischen Messdaten und macht Höreindrücke dadurch realitätsnah und reproduzierbar auswertbar.
In der Produktentwicklung verschiebt sich dieser Ansatz zunehmend nach vorn. Messung, Simulation und virtuelle Entwicklung greifen ineinander, sodass sich akustische Eigenschaften untersuchen und hörbar machen lassen, lange bevor ein vollständiger physischer Prototyp verfügbar ist. Reale Messdaten und Simulationsmodelle können gemeinsam analysiert werden. Das verkürzt Entwicklungszyklen, senkt den Aufwand für Prototypen und ermöglicht es, Klangqualität frühzeitig als Gestaltungsziel zu behandeln.
Auch Bedienkonzepte, Automatisierung und Softwarefunktionen folgen diesem Gedanken. Die wachsende technische Komplexität soll nicht bei den Anwenderinnen und Anwendern ankommen. Plattformen werden deshalb an neue Prüfabläufe und Entwicklungsumgebungen angepasst: Ihre Möglichkeiten wachsen, während Messungen einfacher vorzubereiten, sicherer durchzuführen und effizienter auszuwerten sind.
Wo Wahrnehmung morgen entscheidet
Die nächste Generation technischer Produkte wird stärker mit Menschen interagieren – und muss sie deshalb besser verstehen. OTC-Hörlösungen erleichtern den Zugang zu Hörunterstützung. Fortschrittliches Active Noise Cancelling verändert, welche Teile einer Umgebung hörbar bleiben. Räumliche Wiedergabe kann Kommunikation natürlicher und Medienerlebnisse immersiver machen. In all diesen Anwendungen entscheidet das individuelle Erleben.
Ähnliche Herausforderungen ergeben sich durch teilautonomes Fahren, Smart Glasses, digitale Assistenten und humanoide Roboter. Sprachsysteme müssen auch dann zuverlässig funktionieren, wenn sich Nutzer, Geräte und Schallquellen bewegen. Antriebe erzeugen Geräusche und Schwingungen; Warnsignale müssen verständlich und eindeutig sein; Produkte sollen nicht nur funktionieren und Vertrauen schaffen. Zugleich beeinflussen gesundheitliche, individuelle und kulturelle Faktoren, wie Menschen diese Systeme bewerten.
Künstliche Intelligenz kann helfen, große Messdatenmengen auszuwerten, Entwicklungsabläufe zu unterstützen und neue Produktfunktionen zu realisieren. Ihr Wert bemisst sich jedoch nicht allein an der Technologie. Entscheidend ist, ob sie Entwicklungsfragen schneller, verlässlicher und im Sinne der Nutzerinnen und Nutzer beantwortet. Dafür braucht es Kundennähe, aufmerksames Zuhören und die Fähigkeit, neue Anforderungen frühzeitig zu erkennen.
Auch der Blick auf Akustik wird weiter ausgedehnt: Er richtet sich nicht nur auf Fahrzeuge und Geräte, sondern auch auf Schulen, Städte, Büros, Restaurants und Krankenhäuser. Soundscape-Verfahren beziehen die Wahrnehmung der Menschen systematisch in die Untersuchung einer Umgebung ein. HEAD acoustics wirkt an der Entwicklung entsprechender Standards mit, deren Anwendungen von verständlichen Warnsignalen und konzentrationsfördernden Arbeitswelten bis zur bewussten Gestaltung von Produktgeräuschen und urbanen Räumen reichen.
Vierzig Jahre Erfahrung für die Aufgaben von morgen
Die Technik verändert sich. Der Mensch bleibt der Maßstab.
1986 wird aus einer Forschungsfrage ein Unternehmen. Vierzig Jahre später arbeitet HEAD acoustics weltweit daran, Schall, Schwingungen, Sprache und Audio aus der Perspektive des Menschen zu verstehen. Aus der Kunstkopftechnik entwickelt sich ein umfassender wahrnehmungsbezogener Ansatz, der Messung, Analyse und Simulation verbindet und technische Entscheidungen verlässlicher macht.
Vier Jahrzehnte Unternehmensgeschichte entstehen durch viele Menschen. Unser Dank gilt allen ehemaligen und heutigen Mitarbeitenden, die HEAD acoustics mit ihrem Wissen, ihren Ideen und ihrem Einsatz geprägt haben und bis heute prägen. Reinhard Scholz begleitete über viele Jahre die kaufmännische Entwicklung und trug wesentlich zu Stabilität und Wachstum bei. Dr.-Ing. H. W. Gierlich baute den Geschäftsbereich Telekommunikation auf, entwickelte ihn fachlich weiter und führte ihn über viele Jahre. Beiden gilt für ihre Verdienste und ihre langjährige Verantwortung ein besonderer Dank. Auch Kunden und wissenschaftliche Partner gehören zu dieser Geschichte. Ihre Aufgaben, Erfahrungen und Impulse fließen in Technologien, Verfahren und Standards ein, die heute in zahlreichen Branchen eingesetzt werden.
Die kommenden Aufgaben rücken Technik und menschliche Wahrnehmung noch enger zusammen. Akustik und Schwingungen beeinflussen, ob Menschen Warnungen verstehen, Gesprächen folgen, Produkte als hochwertig erleben oder sich in einer Umgebung wohlfühlen. HEAD acoustics wird weiter daran arbeiten, diese Wirkungen messbar zu machen und früh in die Entwicklung einzubeziehen.
Die Frage aus den Anfangsjahren begleitet HEAD acoustics in die Zukunft: Was kommt beim Menschen an? Jede gute Antwort darauf kann Produkte und Technik sicherer, verständlicher und lebenswerter machen.
40 Jahre HEAD acoustics. Konsequent aHEAD.
Unternehmensgeschichte in Kürze
1986 gründet Klaus Genuit die HEAD acoustics GmbH. Wissenschaftliche Veröffentlichungen, Fachkonferenzen und die Mitarbeit in DIN- und ISO-Gremien begleiten den Aufbau des Unternehmens und verankern seine Methoden früh im internationalen fachlichen Austausch. Bereits im Gründungsjahr beginnt die Vermarktung in den USA, 1987 folgt Japan.
Reinhard Scholz übernimmt 1992 die kaufmännische Geschäftsführung und schafft gemeinsam mit Klaus Genuit die wirtschaftlichen und organisatorischen Voraussetzungen für das weitere Wachstum. Hans Wilhelm Gierlich, seit 1989 im Unternehmen, baut den Bereich Telekommunikation auf, leitet ihn seit 1999 und verantwortet ihn ab 2014 als Geschäftsführer.
Mit der ersten Tochtergesellschaft in den USA beginnt 1999 der Aufbau eines eigenen internationalen Netzwerks. Es folgen Standorte in Frankreich (2001), Japan (2002), Großbritannien (2015), Südkorea (2016), China (2017), Italien (2018) und Indien (2022). Sie bringen Beratung, Vertrieb, Support und Engineering näher an die Entwicklungs- und Produktionsstandorte der Kunden.
2008 gründet Klaus Genuit die HEAD-Genuit-Stiftung. Sie fördert unter anderem Stiftungsprofessuren, Postdoc-Projekte und Promotionsarbeiten zu Mess- und Bewertungsverfahren für Schall und Schwingungen und verbindet wissenschaftliche Forschung mit industriellen und gesellschaftlichen Fragestellungen.
Nach dem Ausscheiden von Reinhard Scholz aus der kaufmännischen Geschäftsführung übernimmt Stephan Noth die Verantwortung für Finanzen, Personal, Produktion und zentrale Unternehmensfunktionen. 2023 wechselt Hans Wilhelm Gierlich nach 34 Jahren bei HEAD acoustics in den Ruhestand. Anne Geller-Gravez übernimmt die neu geschaffene Geschäftsführungsposition für Vertrieb und Marketing, Matthias Wegerhoff die Verantwortung für Entwicklung, Forschung und Engineering Services. Beide kommen aus dem Unternehmen. Der Übergang steht damit zugleich für Kontinuität und für eine Organisation, die sich auf neue Märkte, Technologien und Arbeitsweisen ausrichtet.


